Epoche
Josephinischer Stil
Stilrichtung, um 1780–1800
Nüchterne Wiener Spielart des Frühklassizismus unter Joseph II.: Zweckbauten von Canevale, schlichte Nussmöbel mit Bandintarsien.
Als Joseph II. 1780 allein regierte, setzte er Reformen durch, die sich in der Architektur als Sparsamkeit und Zweckorientierung zeigten. Klöster wurden aufgehoben, Spitäler, Kasernen und Schulen gebaut. Isidore Canevale errichtete das Allgemeine Krankenhaus mit dem Narrenturm und die medizinisch-chirurgische Akademie Josephinum. Für das Bürgertum entstand eine schlichte Wohnkultur, die direkt in das Biedermeier überleitete. Das Toleranzpatent von 1781 erlaubte Protestanten eigene Bethäuser ohne Turm und Straßenportal.
Der Stil reduziert die Zopfformen auf klare Kuben und flache Fassaden mit wenig Dekor. Möbel aus Nussholz, Kirsche und Zwetschke zeigen gerade Fronten, schmale Bandintarsien und Fadeneinlagen in Ahorn, sparsame Würfelfriese und vierkantig verjüngte Beine. Kommoden, Schreibkommoden, Sekretäre und Vitrinen dominieren. Messingbeschläge sind klein, oft ringförmig oder als Rosette. Wiener Silber und Porzellan bleiben formal streng, mit Perlstab und Goldrand. Kleiderkästen werden zweitürig mit gerade abschließendem Gesims, Spiegel schmal und hoch mit dünnem Profilrahmen.
Das Josephinum an der Währinger Straße, 1783 bis 1785 erbaut, bewahrt die Sammlung anatomischer Wachsmodelle aus Florenz. Der Narrenturm von 1784 im Areal des Alten AKH ist heute Teil des Naturhistorischen Museums. Canevale schuf auch das Lusthaus am Ende der Prater-Hauptallee und das Portal des Augartens. Das Palais Pallavicini am Josefsplatz baute Hohenberg 1783/84. Im Wiener Handel ist „josephinisch“ ein geläufiger Begriff für Kommoden und Sekretäre dieser Jahre.
Josephinische Möbel haben Weichholzkorpusse, auf denen Nussfurnier mit Glutinleim aufgebracht ist; Schubladen sind mit feinen Schwalbenschwänzen verzinkt, Böden in Faserrichtung von vorne nach hinten eingeschoben. Spätere Stilmöbel um 1900 zeigen Sperrholz, Maschinenzinken und einheitlich dünnes Furnier. Typisch für Originale sind Schwundrisse in Massivteilen und nachgedunkelte Schlüsselschilder. Beschläge sitzen mit handgeschmiedeten Nägeln oder frühen, unregelmäßig geschnittenen Schrauben.
Woran man es erkennt
- gerade Fronten mit wenig Dekor
- schmale Bandintarsien und Fadeneinlagen
- Nuss, Kirsche und Zwetschke
- vierkantig verjüngte Beine
- kleine Ring- und Rosettenbeschläge
- Schreibkommoden und Sekretäre
- Zweckbauten mit flachen Fassaden
- Perlstab und Goldrand auf Silber und Porzellan
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